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Dienstag, 21. November 2017

 
Dr. Klaus Eichenberg
Dr. Klaus Eichenberg

2010 Die BioRegion STERN. Interview mit Dr. Eichenberg

In der Region zwischen Stuttgart, Tübingen und Neckaralb entsteht ein Anwenderzentrum für Regenerative Medizin mit dem Ziel, therapeutische Konzepte mit adulten Stammzellen in die Breite der Gesundheitsversorgung zu integrieren. Eine der Besonderheiten ist, dass hier über mehrere Standorte verteilt Partner aus der Forschung, der Industrie und der Gesundheitsbranche an einem Strang ziehen. Dr. Klaus Eichenberg ist Geschäftsführer der BioRegio STERN Management GmbH, die im Auftrag der rund 30 Partner das Gesamtprojekt koordiniert.

Die Stammzelle: Wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen den doch sehr unterschiedlichen Partnern und welche Vorarbeiten waren dazu nötig?

Eichenberg: Wir hatten in der Region bereits eine gewisse Erfahrung darin, auf dem Gebiet der Regenerativen Medizin Unternehmen und akademische Gruppen zusammenzubringen. Vor rund zehn Jahren gewann die Region den deutschlandweiten Bioprofile-Wettbewerb des BMBF mit anwendungsbezogenen Projekten zur Regenerativen Biologie. Damit flossen rund 20 Millionen Euro Fördergelder in die Region, mit denen viele Arbeiten zu Zelltherapien und Biomaterialien voran gebracht wurden. Über die direkt geförderten Projekte hinaus kam es zu einer starken Sogwirkung, die Region gewann an Experten und Expertisen. Die Arbeiten rückten immer weiter in Richtung Anwendung und damit in Richtung Medizin. Es war ein logischer Schritt, die am weitesten fortgeschrittenen Ansätze in ein übergreifendes Konzept zu einem Anwenderzentrum zu fassen – schon allein, um Synergieeffekte optimal nutzen zu können. Ohne öffentliche Förderung wäre das jedoch nicht zu schaffen gewesen. Die BMBF-Ausschreibung "Gesundheitsregionen der Zukunft" kam aus unserer Sicht also genau zum richtigen Zeitpunkt. Wir waren in der ersten Runde einer von zwei Gewinnern und waren damit finanziell in der Lage, die Strukturen für eine geordnete, wirtschaftlich sinnvolle Implementierung der Regenerativen Medizin in die Gesundheitsversorgung der Region zu schaffen.

Die Stammzelle: Wie wichtig war dabei der wirtschaftliche Aspekt?

Eichenberg: Sehr wichtig. Die Partner waren sich einig, dass Zukunftskonzepte in der Medizin heute nur dann wirklich zukunftsfähig sind, wenn sie von vornherein, das heißt bereits in den Forschungsphasen, von wirtschaftlichen Überlegungen begleitet werden. Nur so können im Detail die richtigen Weichen für eine nicht nur bessere, sondern auch bezahlbare Medizin gestellt werden. Das ist bei zellbasierten Therapien besonders wichtig, denn sie sind ein weiterer Schritt in die personalisierte Medizin, bei der jeder Patient eine maßgeschneiderte und potenziell aufwändige Therapie erhält. Natürlich muss der initiale Aufwand in Relation zu den erwarteten langfristigen, auch finanziellen Vorteilen gesehen werden. Und diese Vorteile gilt es realistisch abzuschätzen, wobei uns die Gesundheitsökonomen des Helmholtz Zentrums München als REGiNA-Partner mit ihrer Kompetenz unterstützen. Generell geht es darum, die neuen Verfahren so zu gestalten, dass sie auch wirtschaftlich konkurrenzfähig sind im Vergleich zu herkömmlichen Behandlungsmethoden.

Die Stammzelle: Wenn man sich die zellbasierten Therapiekonzepte im REGiNA-Projekt näher anschaut, setzen sie fast alle auf eine Kopplung zellulärer Komponenten mit Trägermaterialien. Warum?

Eichenberg: Gerade in dieser Kombination liegt die Stärke vieler regenerativer Therapiekonzepte. Wir vereinen die Vorteile von patienteneigenen Zellen und Biomaterialien. In vielen Fällen gibt erst das Trägermaterial dem Ersatzgewebe von Anfang an die geforderte biomechanische Stabilität. Das gilt insbesondere für den Knorpel- und Knochenersatz. Die in die Trägersubstanz eingebetteten Zellen sollen durch Zellteilung und Bildung extrazellulärer Matrix am Einsatzort für weitere Gewebeneubildung sorgen. Im Idealfall wird das Trägermaterial im Laufe der Zeit vollständig abgebaut und das neue Gewebe ist kaum von dem alten in seiner gesunden Form zu unterscheiden. Im Fall der Nervenregeneration dient ein Hydrogel als zellfreie Komponente den Nervenfasern als Wachstumsunterlage und gibt die Richtung vor, in die der Nerv nachwachsen soll. Etwas anders ist das Zusammenspiel bei Blutgefäßen. Hier sollen künstliche röhrenförmige Ersatzmaterialien vor dem Implantieren innen mit organischen Molekülen beschichtet werden. Am Einsatzort im menschlichen Körper sollen diese Moleküle patienteneigene (autologe) Zellen anlocken und binden. So kann eine Gewebeschicht entstehen, die einerseits Abstoßungsreaktionen und andererseits einen neuerlichen Verschluss verhindern soll.

Die Stammzelle: Wie schätzen Sie die Zeithorizonte ein, in denen die Therapien allgemein zugänglich werden?

Das wird im Einzelfall sehr unterschiedlich sein. Bei den Arbeiten im Indikationsgebiet Muskelskelettsystem, und hier speziell bei der Knorpelregeneration, ist die Regenerative Medizin deutschlandweit bereits in der klinischen Anwendung und wird zum Teil bereits von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet. Die matrixgestützte Autologe Chondrozytentransplantation ACT wurde in unserer Region mit voran gebracht. Nun geht es darum, die Therapie einer größeren Anzahl Patienten zugänglich zu machen. Es sollen in Zukunft nicht nur junge Menschen mit traumatischen Verletzungen, sondern auch ältere Menschen mit degenerativen Erkrankungen von den regenerativen Ansätzen profitieren. Während wir hier und bei den Projekten zur Bandscheibenregeneration zurzeit von einigen wenigen Jahren bis zur klinischen Anwendung der Innovationen ausgehen, wird es bei den Projekten im Urogenitalbereich noch deutlich länger dauern. Bis zum Beispiel die Nervenregeneration nach Prostataoperationen zum Klinikalltag gehört, steht noch viel Forschungs- und Entwicklungsarbeit an.

Die Stammzelle: Ein großer Schwerpunkt im REGiNA-Projekt ist die Aufklärungsarbeit, sowohl in Richtung Ärzte als auch in Richtung Patienten und interessierter Öffentlichkeit. Warum wird der Kommunikation und Information so viel Bedeutung beigemessen?

Eichenberg: Wir erfahren einerseits in vielen Gesprächen, wie wenig bekannt innovative medizinische Methoden sind, wenn sie nicht direkt mit dem Berufsalltag zu tun haben. Andererseits nimmt das allgemeine Interesse an Wissensthemen enorm zu. Die Medien spiegeln und verstärken diesen Trend durch mehr Publikationen und mehr Sendezeit. Das Internet tut ein Übriges dazu. Wir sind eine Wissensgesellschaft und schulden ihr eine frühzeitige Information über neue Forschungsergebnisse, gerade wenn sie die Zukunft der Medizin nachhaltig verändern können. Außerdem schulden wir potenziellen Patienten – und das sind wir alle – eine adäquate Aufklärung von der Front der anwendungsorientierten Forschung. Wir wollen mit unserem Ärzte- und Patienteninformationssystem neuen regenerativen Behandlungsmethoden den Boden bereiten. Innovationen sollen ohne Zeitverzug die Patienten erreichen, sobald sie zugelassen und erstattungsfähig sind.

Die Stammzelle: Bereits vor Gründung der Gesundheitsregion REGiNA kam es in der Region im Südwesten Deutschlands zu einer deutlichen Annäherung zwischen den Branchen Biotechnologie und Medizintechnik. Wie nützt das zellbasierten Therapien in der Regenerativen Medizin und speziell den REGiNA-Vorhaben?

Eichenberg: Die enge Vernetzung beider Branchen in unserer Region ist einzigartig, deutschland- und sogar europaweit. Wir haben die Chancen ergriffen, die uns die große Anzahl starker mittelständischer Medizintechnik-Unternehmen in der Region bietet. Zusammen mit der dynamisch wachsenden Biotech-Branche ergibt sich ein immenser Entwicklungsspielraum für Produkte und Verfahren, die weder rein technisch noch rein biologisch sind. Organische und zelluläre Beschichtungen von künstlichem Gefäßersatz, Atemwegen und Speiseröhren sind Beispiele, die in der Region bzw. im Rahmen von REGiNA behandelt werden. Parallel zur Weiterentwicklung zellbasierter Therapien steigt generell der Bedarf an neuen und abgewandelten medizintechnischen Lösungen. Ein interessantes REGiNA-Projekt ist die Anpassung der für sich bereits innovativen Wasserstrahltechnologie, mit der innere Wunden im Magen-Darm-Trakt minimalinvasiv gereinigt werden können. Das Ziel ist, die Technologie so weiterzuentwickeln, dass heilungskompetente Zellen und Biomaterialien ins Körperinnere transportiert werden können. Die Entstehungsgeschichte dieses und einiger weiterer Projekte zeigt uns, wie fruchtbar es ist, wenn sich Experten beider Branchen, der Medizintechnik und der Biotechnologie, austauschen und gemeinsam neue Ideen entwickeln. Wir hoffen, diesen Trend gerade in der Region weiter ausbauen zu können.

Die Stammzelle: Wie sehen Sie die weitere Entwicklung der Regenerativen Medizin in der Region und darüber hinaus? Wir hoffen, mit der Gesundheitsregion REGiNA die Tür zur Regenerativen Medizin weiter aufzustoßen. Wir werden uns auch über die Projektlaufzeit hinaus für den Transfer regenerativer Konzepte aus der Forschung in die Klinik einsetzen. Ein wichtiges Ziel der Regenerativen Medizin insgesamt ist es, die Therapien breiteren Patientengruppen zugänglich zu machen. Menschen mit altersbedingten, degenerativen Krankheiten werden dabei eine zunehmende Rolle spielen.

 

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