THEMEN

AKTUELLES THEMA

LEXIKON

HÄUFIGE FRAGEN

LINKS


Themen > Stammzellen > Adulte Stammzellen > Definition

Dienstag, 21. November 2017

 
Martin Börgel, DGFG
Martin Börgel, DGFG

2010 Tissue Processing – Von der Gewebespende zum Gewebetransplantat

Humanes Spendegewebe, wie Augenhornhäute, Herzklappen oder Blutgefäße, haben große Bedeutung für die Regenerative Medizin. Tausende Patienten sind Jahr für Jahr auf die Transplantation humaner Gewebe angewiesen.

Die Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) sieht ihre Hauptaufgabe in der Versorgung der Bevölkerung mit sicheren und qualitativ hochwertigen Gewebetransplantaten aus der Gewebespende. Ein entscheidender Aspekt zur Sicherstellung der Qualität und der Einsatzmöglichkeit der Gewebe ist der Prozess der Aufbereitung des Gewebes zum Transplantat, die sogenannte Gewebeprozessierung.

Martin Börgel, Geschäftsführer der gemeinnützigen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) im Gespräch mit "Die Stammzelle".

Interview

DieStammzelle: Ihr Anliegen ist die Versorgung der Bevölkerung mit Gewebetransplantaten aus der Gewebespende. Weshalb kommt der Spende von menschlichem Gewebe trotz des wissenschaftlichen Fortschritts auf dem Gebiet des künstlichen Gewebeersatzes so eine große Bedeutung zu?

Martin Börgel: Die Anwendung der Methoden des sogenannten "tissue engineering" zur Züchtung von Geweben und Organen zum Zweck der Transplantation stellt zwar ein ständig wachsendes Forschungsgebiet dar, doch bislang sind die mit diesen Techniken künstlich hergestellten Ersatzgewebe noch nicht für die reguläre Transplantation am Patienten zugelassen.<br/> Bis dahin stellen Gewebetransplantate von Gewebespendern für viele Patienten die wichtigste und oft einzige Therapieoption dar.

DieStammzelle: Kann denn der Bedarf, der in der Medizin besteht, aus der Gewebespende gedeckt werden?

Martin Börgel: Leider werden in der Realität in Deutschland mehr Transplantate benötigt, als aus der Gewebespende zur Verfügung stehen. Im Jahr werden in Deutschland ca. 6.000 Augenhornhauttransplantationen durchgeführt – die häufigste Transplantation überhaut. Der tatsächliche Bedarf wird aber auf rund 8.000 bis 10.000 Transplantate geschätzt.

Ähnlich verhält es sich mit Herzklappen und Blutgefäßen. Auch hier besteht ein Mangel an geeigneten Transplantaten. Leider versterben Patienten auf der Warteliste, weil ein geeignetes Blutgefäß nicht zeitnah zur Verfügung steht.

DieStammzelle: Wie denken Sie kann diesem Mangel entgegengewirkt werden?

Martin Börgel: Wir wissen, dass in der Bevölkerung die Bereitschaft, nach dem Tod Gewebe zu spenden, recht hoch ist. Viele Menschen sind jedoch gar nicht über die Möglichkeit der postmortalen Gewebespende informiert. Die Aufklärung und umfassende Information der Bevölkerung über die Gewebespende, sehen wir als eine unserer großen Herausforderungen, um noch mehr Patienten mit dringend benötigten Gewebetransplantaten versorgen zu können.

DieStammzelle: Wie hoch ist die Sicherheit für den Patienten bei der Transplantation von menschlichem Spendegewebe?

Martin Börgel: Gemäß EU-Richtlinien ist jedes Land verpflichtet worden, die Gewebespende bis hin zur Transplantation durch Verordnungen bzw. Gesetze zu regeln. Deutschland hat den Weg beschritten, dass seit 2007 alle Gewebezubereitungen den Bestimmungen des Arzneimittelgesetzes unterliegen. Trotz aller Kritik am Gewebegesetz hat dieses die Gewebespende erstmals auf ein sicheres gesetzliches Fundament gestellt.

Im Unterschied zur Organen, die direkt vom Spender auf den Empfänger übertragen werden, können und müssen Gewebe vor der Transplantation in Gewebebanken prozessiert und gelagert und werden. Dies ist ein großer Vorteil. Augenhornhäute können nach der Aufbereitung zum Transplantat bis zu 28 Tage gelagert werden, Herzklappen und Gewebe in Kryokonservierung bis zu einer Dauer von mehreren Monaten bis hin zu einigen Jahren. Für die Qualität und damit die Sicherheit des Transplantates spielt die Weiterverarbeitung des Ausgangsgewebes zum Transplantat, die sogenannte Prozessierung des Gewebes, eine ganz entscheidende Rolle. Das Ausgangsmaterial unterliegt komplexen Verarbeitungsmethoden, um den hohen Ansprüchen an medizinische Qualität, Sicherheit und individueller Passgenauigkeit an den Patienten gerecht zu werden. Eine sehr sorgfältige Spenderauswahl und gesetzlich vorgeschriebene infektionsdiagnostische Untersuchungen minimieren das Risiko der Übertragung von Krankheiten.

DieStammzelle: Was ist bei der Verarbeitung der Gewebe zum Transplantat besonders relevant?

Martin Börgel: Wichtig ist, neben den hohen Ansprüchen an Sterilität die Funktionalität des Gewebes so weit wie möglich zu erhalten. Dies bedeutet beispielsweise für die Aufbereitung von Augenhornhautgewebe, dass eine möglichst hohe Anzahl an Endothelzellen beim fertigen Transplantat erhalten bleibt. Eine hohe Endotheltzelldichte macht eine klare Augenhornhaut aus und beeinflusst damit die Schärfe des Sehvermögens. Insgesamt spielt bei allen zu transplantierenden Geweben die Vitalität der Zellen eine bedeutende Rolle.

DieStammzelle: Mit welchen Methoden kann man die Vitalität der Gewebe am besten erhalten?

Martin Börgel: Viele Innovative Prozessierungsansätze zielen auf eine Optimierung der Lagerbedingungen, z.B. des Kulturmediums in dem Augenhornhäute gelagert werden oder der Temperatur und Zeitdauer mit der Herzklappen und Gefäße in flüssigem Stickstoff eingefroren gelagert werden können.

Andere Methoden setzen auf die Optimierung des Transplantatzuschnittes. Beim sogenannten "Precut"-Verfahren werden die Augenhornhäute mit einem Femtosekunden-Laser zu Transplantaten vorgeschnitten, um ein dünnes, planparalleles Transplantat herzustellen.

DieStammzelle: Welches sind hierbei die Vorteile?

Martin Börgel: Bei diesem Verfahren ist die Schnitttiefe exakt bestimmbar und dem transplantierenden Arzt kann ein sauber vorgeschnittenes Transplantat für seinen Patienten angeboten werden. Darüber hinaus steigert dieses Verfahren die Verfügbarkeit von Augenhornhauttransplantaten, da es die Möglichkeit eröffnet, aus einem Gewebe zwei Transplantate zu schneiden.

DieStammzelle: Wer kann überhaupt Gewebe nach dem Tod spenden? Und wie teile ich meinen Willen zu Lebzeiten mit?

Martin Börgel: Die Gewebespende nach dem Tod ist eine freiwillige Entscheidung, die jeder für sich selbst zu Lebzeiten trifft und im Organ- und Gewebespendeausweis schriftlich festhalten kann. Das Gespräch in der Familie über die eigene Einstellung zur Gewebespende ist aber mindestens genauso wichtig und erleichtert den Angehörigen im Ernstfall, eine stabile Entscheidung im Sinne des Verstorbenen zu treffen. Grundsätzlich kann jeder nach seinem Tod Gewebe spenden, eine starre Altersgrenze gibt es nicht. Eine Gewebespende ist sowohl nach der Feststellung des Hirntods als auch nach einem Herz-Kreislauf-Tod möglich, sofern keine medizinischen Gründe dagegen sprechen. Auch eine maligne Erkrankung stellt nicht unbedingt eine Kontraindikation dar.

DieStammzelle: Wir bedanken uns für das Gespräch!

 

 

QUICKLINKS