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Sonntag, 18. November 2018

 
Prof. Dr. Hans-Oliver Rennekampff
Prof. Dr. Hans-Oliver Rennekampff

2010 Die Haut

Die Haut umgibt uns als schützender Mantel, sie ist aber auch ein Stoffwechsel- und Regulationsorgan. Um den Körper richtig versorgen zu können, muss sie unversehrt sein – das wird nicht nur bei schweren Verbrennungen mit großflächigem Hautverlust, sondern auch schon bei kleinen Wunden deutlich.

Wie die Haut mithilfe von Stammzellen und Tissue Engineering möglichst naturnah wiederhergestellt werden kann, erklärt Univ.- Prof. Dr. med. Hans-Oliver Rennekampff, Bereichsleiter des Schwerbrandverletztenzentrums der Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover im Gespräch mit "Die Stammzelle".  

Interview

DieStammzelle: Zu Ihren großen Herausforderungen gehört es, die Haut von Patienten wiederherzustellen, die zum Beispiel nach Unfällen schwere Verbrennungen erlitten haben. Weshalb ist eine schnelle Behandlung in diesen Situationen so wichtig und wie sieht sie üblicherweise aus?

Prof. Dr. Rennekampff: Großflächige Hautverluste, die zum Beispiel bei Verbrennungen geschehen, können zu lebensbedrohlichen Wundinfektionen und dramatischem Flüssigkeitsverlust führen. Bei chronischen Wunden wird die Lebensqualität erheblich eingeschränkt, und es entstehen immense Folgekosten. Die Standardtherapie für großflächige Hautverluste  stellt  das Hauttransplantat aus unverletzten Arealen dar.

DieStammzelle: Vor welche Herausforderungen sehen sich die Ärzte bei dieser Therapie gestellt?

Prof. Dr. Rennekampff: Die Hautvorräte des menschlichen Körpers sind begrenzt. Bei großflächigen Verbrennungen steht in der Akutphase häufig nicht genug eigene Haut für den Wundverschluss zur Verfügung. In diesen Fällen müssen die Brandwunden dann mit Fremdhaut temporär abgedeckt werden. Hinzu kommt, dass die Transplantate, die dem Patienten selbst entnommen werden, oft netzartig eingeschnitten werden müssen, damit sie ausreichen.

DieStammzelle: Das ist sicher kein einfaches Verfahren, von dem nachher nichts mehr zu sehen ist…

Prof. Dr. Rennekampff: Nein, in der Tat nicht. In vielen Fällen resultieren daraus erhebliche Narben. Auch das netzartige Maschenmuster ist lebenslang sichtbar. Außerdem ist die Elastizität der mit Transplantaten versehenen Areale nicht mit derjenigen vergleichbar, die gesunde Haut aufweist. Die Haut so wieder herzustellen, dass die Patienten ohne Komplikationen und mit hoher Lebensqualität leben können, bleibt deshalb die größte Herausforderung für den in der Verbrennungsmedizin tätigen plastischen Chirurgen.

DieStammzelle: Haben Sie neue Behandlungsmethoden im Blick?

Prof. Dr. Rennekampff: Ja. Zu den interessanten und zukunftsweisenden Möglichkeiten, Hautdefekte zu therapieren, gehören Tissue Engineering und künstlicher Hautersatz. Das Ziel dieser Ansätze ist die Entwicklung eines Hautersatzes, dessen Anatomie und Funktion derjenigen der Haut exakt nachgebildet ist. Dies betrifft insbesondere die Indikationen, bei denen die komplette Hautschicht verloren gegangen ist.

DieStammzelle: Wie kann diese denn wiederhergestellt werden?

Prof. Dr. Rennekampff: Um Verbrennungen, Narben und chronische Wunden effektiv zu behandeln, sind spezielle Hautersatzmaterialien notwendig. Auf Basis des Aufbaus der natürlichen Haut wurde bereits in den 80er Jahren dermaler und epidermaler Hautersatz entwickelt. Zum Verständnis: Die Dermis (auch Lederhaut genannt) ist die dicke Collagen-Bindegewebeschicht unter der Epidermis, der gefäßlosen Oberhaut. Das heißt, unser langfristiges Ziel ist der Ersatz der kompletten Hautschicht. Aber wir unterscheiden den Hautersatz zudem nochmals in einen dermalen und einen epidermalen Ersatz.

DieStammzelle: Woran liegt es, dass es bis dato noch keinen vollwertigen Hautersatz gibt?

Prof. Dr. Rennekampff: Eine große Hürde bei dessen Entwicklung stellt die Komplexität der Haut mit ihren verschiedenen Funktionsschichten und Anhangsgebilden wie Haaren, Schweißdrüsen etc. dar. Vielversprechende Ansätze sind aber erkennbar.

DieStammzelle: Wie sehen diese aus?

Prof. Dr. Rennekampff: Für verschiedene Indikationen sind bereits Tissue Engineering-Produkte erhältlich bzw. es wird versucht, die Regenerationsleistung der verbliebenen Hautanteile auszunutzen. Unsere Untersuchungen konnten beispielsweise zeigen, dass die temporären Hautersatzmaterialien zur Wundabdeckung zu einem ausgeprägten Wachstum von Oberhautzellen (Keratinozyten) führen. Auf diese Weise wird die Abheilungszeit verkürzt und letztlich entstehen auch weniger Narben.

DieStammzelle: Können Sie noch andere Beispiele nennen?

Prof. Dr. Rennekampff: Wir haben auch für die Regeneration der Epidermis bereits innovative Behandlungswege gefunden. Mit eigenen Versuchen haben wir belegt, dass aus Zellen der Oberhaut, die zunächst in einer Lage kultiviert wurden, ein mehrschichtiger Zellverband zur Deckung der fehlenden Epidermis entstand. Zudem sind Chirurgen inzwischen in der Lage, während des Eingriffs im OP ein Transplantat aus patienteneigenen Zellen der Epidermis herzustellen. Das Verfahren erlaubt dem Arzt in einem Arbeitsgang die Entnahme eines dünnen Hautteils und die Gewinnung und Aufbereitung der darin enthaltenen Hautzellen. Auf diese Weise können wir mit nur rund vier Quadratzentimeter Eigenhaut circa 320 Quadratzentimeter Wundfläche abdecken. Die fertige Suspension kann dem Patienten bereits eine knappe Stunde nach der Entnahme des Transplantats auf die Wunde appliziert werden. Daran sieht man, dass Mediziner bereits in einigen Fällen auf die früher erforderliche, zeitaufwändige Zellkultivierung in einem Labor verzichten können.

DieStammzelle: Das ist sicherlich vor allem bei der Behandlung kleinerer Verbrennungswunden interessant?

Prof. Dr. Rennekampff: Ja, für ihre Behandlung ergibt sich damit möglicherweise eine neue Perspektive. Die beschleunigte Transplantatversorgung kann die Narbenbildung und Pigmentverschiebung weiter reduzieren.

DieStammzelle: Gibt es denn auch bei größeren Brandwunden Hoffnung?

Prof. Dr. Rennekampff: In der Tat, wir haben auch verbesserte Möglichkeiten im Blick, um ausgeprägte Verbrennungswunden zu therapieren, bei denen die komplette Dermis mithilfe einer Operation ersetzt werden muss. In solchen Fällen haben wir beobachtet, dass nach einer Versorgung mit Transplantaten ausgeprägte Narben entstanden. Diese Erkenntnis führte zur Entwicklung eines innovativen dermalen Hautersatzes, der einwächst. Er besteht aus einer dünnen, porösen Matrix aus Rindercollagen und Elastin, wird klinisch eingesetzt und in Kombination mit einem dünnen Hauttransplantat simultan transplantiert. Während Bindegewebszellen und neue Gefäße zügig in diese dermale Matrix einwandern und sich das körpereigene Collagen darin aufbaut, resorbiert der Körper die Rindercollagen-Matrix.

DieStammzelle: Das klingt spannend. Wird dieser Hautersatz denn schon eingesetzt?

Prof. Dr. Rennekampff: Wir arbeiten damit bereits insbesondere, wenn die Hände von tiefen Verbrennungen entstellt sind. Denn schließlich sind diese nicht nur von ausgesprochen funktioneller Bedeutung, sondern müssen auch ästhetischen Ansprüchen genügen, weil sie stets sichtbar bleiben. In Beobachtungen nach unseren Behandlungen haben wir vergleichbare Elastizitätswerte wie bei gesunder Haut festgestellt.

DieStammzelle: Welche weiteren, aktuellen klinischen Perspektiven gibt es in dieser Hinsicht momentan?

Prof. Dr. Rennekampff: Klinisch ist es bereits möglich, aus einer Hautbiopsie Keratinozyten aus der Oberhaut zu isolieren. Diese werden dann innerhalb eines Zeitraums von drei Wochen zu einem epithelialen Hautersatz kultiviert, der immerhin circa einen Quadratmeter groß ist. Diese Methode ist inzwischen Standard bei der Behandlung großflächiger Verbrennungen. Hierbei wird ausgenutzt, dass in der Biopsie Keratinozytenstammzellen enthalten sind, die das regenerative Potenzial dieses Ersatzes ein Leben lang aufrecht erhalten.

DieStammzelle: Sehr geehrter Prof. Dr. Herr Rennekampff, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

Hinweis auf GRM-Patientenveranstaltung: Wie lässt sich mithilfe von Stammzellen Haut wiederherstellen? Welche neuen Möglichkeiten der Therapie von Brandwunden gibt es? Diese und viele weitere Fragen werden bei der großen Patientenveranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Regenerative Medizin (GRM) am 30. Juni von 18.00 bis 20.00 Uhr, in der Medizinischen Hochschule Hannover beantwortet.  Als Experten stehen Univ.- Prof. Dr. med. Hans-Oliver Rennekampff, Bereichsleiter des Schwerbrandverletztenzentrums der Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, und sein Team bereit. Die Teilnahme ist gratis.

 

 

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