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Samstag, 22. September 2018

 
Prof. Dr. Frank Emmrich

2009 Stammzellen - Die Zukunft der Medizin. 5 Fragen an Prof. Dr. Frank Emmrich.

Im Oktober 2009 fand in Leipzig eine der größten deutschen Konferenzen im Bereich der Regenerativen Medizin in Leipzig statt. Kongresspräsident Prof. Dr. Frank Emmrich ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie und Direktor des Translationszentrums für Regenerative Medizin der Universität Leipzig. Mit dem Kongress wollen die Veranstalter gemeinsam mit den Initiativen RMIG (Regenerative Medicine Initiative Germany), REGENERATE und der GRM (Gesellschaft für Regenerative Medizin) sowie zehn weiteren Fachgesellschaften die Sichtbarkeit der deutschen Forschungslandschaft erhöhen und den internationalen Dialog zu diesem Thema fördern.

1100 Teilnehmer aus 37 Nationen folgten diesem Angebot und tauschten sich unter anderem über neue Erkenntnisse und Entwicklungen im Bereich der Stammzellforschung aus. Dabei wurde sowohl über Technologien zur Gewinnung und Herstellung von Stammzellen als auch über zukünftige medizinische Anwendungen diskutiert.

Neben dem fachlichen Austausch war es den Organisatoren ein Anliegen, Fragen der allgemeinen Öffentlichkeit zum Thema Regenerative Medizin zu beantworten. Dafür wurden 5 Fragen ausgewählt, welche am Abend mit den anwesenden internationalen Experten in lockerer Atmosphäre erörtert wurden. Professor Emmrich berichtet uns über die Ergebnisse dieser Debatte.

Interview

1. Einlagerung von Stammzellen aus Nabelschnurblut

Die Stammzelle: Herr Professor Emmrich, in der ersten Frage möchte ein junges Paar wissen, wie sinnvoll heute die Einlagerung von Stammzellen aus Nabelschnurblut ist und welche Heilungschancen sich daraus ergeben könnten.

Prof. Dr. Emmrich: Die Einlagerung von Stammzellen aus Nabelschnurblut ist ein sehr kontrovers diskutiertes Thema. Kritiker werfen kommerziellen Nabelschnurblutbanken ein Geschäft mit der Angst werdender Eltern vor. Befürworter sehen darin die einmalige Möglichkeit, eine Quelle hochpotenter Stammzellen für zukünftige Therapieformen zu erhalten. Fakt ist, dass Stammzellen aus Nabelschnurblut einfach und nahezu risikofrei zu gewinnen sind, über ein hohes Vermehrungs- und Differenzierungspotenzial verfügen und noch keine altersbedingten Mutationen beinhalten. Hinzu kommt eine bessere Verträglichkeit bei Fremdtransplantationen.

Fakt ist aber auch, dass die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Mensch eine Transplantation mit eigenen Stammzellen benötigt, momentan noch sehr gering ist. Mit zunehmenden Erfolgen der Regenerativen Medizin wird dies häufiger werden. Am häufigsten werden heute allogene Transplantationen (Fremdtransplantationen) durchgeführt. Hierfür sind Stammzellen aus Nabelschnurblut eine sehr geeignete Quelle, die vor allem in den USA zunehmend genutzt werden.

In unserer Diskussion waren daher viele Teilnehmer der Meinung, dass es sinnvoll ist, Stammzellen aus Nabelschnurblut nicht zu verwerfen, sondern in Nabelschnurblutbanken einzulagern.

2. Potential induzierter pluripotenter Stammzellen

Die Stammzelle: Nach der Diskussion über Nabelschnurblut als Quelle für Stammzellen kam die Frage nach einer weiteren Quelle auf – den reprogrammierten Stammzellen. Wie schätzen Sie das Potenzial der induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) ein. Wird diese Technologie die Arbeit mit embryonalen Stammzellen überflüssig machen?

Prof. Dr. Emmrich: iPS-Zellen wird ein hohes medizinisches Potenzial zuerkanntwird ein hohes medizinisches Potenzial zuerkannt, da sie individuell auf den Patienten angepasst werden können und somit immunologisch verträglicher sind. Im Vergleich zu embryonalen Stammzellen scheinen iPS-Zellen ähnliche Eigenschaften in der Vermehrung und Differenzierung zu haben. Problematisch ist jedoch die Tatsache, dass iPS-Zellen auch ein mögliches Tumorrisiko mit sich bringen. Hierzu bedarf es noch viel Forschung, was den medizinischen Einsatz von iPS-Zellen betrifft. Heute finden iPS-Zellen jedoch bereits Einsatz in der Erforschung von Krankheiten und in der Testung neuer Wirkstoffe.

Auch die Frage der Ethik ist noch nicht endgültig geklärt. Die Herstellung von iPS-Zellen ist jedenfalls unproblematisch im Vergleich zu embryonalen Stammzellen. Da sich die iPS-Technologie aber auch dazu eignen könnte, menschliche Keimzellen zu reproduzieren, müssen die Konsequenzen bedacht werden.

3. Regenerative Medizin und degenerative Erkrankungen

Die Stammzelle: Herr Professor Emmrich, kommen wir zu einer etwas alltäglicheren Fragestellung. Mit zunehmendem Alter steigt bekanntlich das Vorkommen degenerativer Erkrankungen, was die Lebensqualität von älteren Menschen z. T. stark einschränkt. Kann die Regenerative Medizin diesem Problem entgegenwirken?

Prof. Dr. Emmrich: Dies ist eine sehr umfassende Frage, die im Rahmen eines Interviews sicher nicht vollständig beantwortet werden kann, da sie sehr viele Teilbereiche der Regenerativen Medizin tangiert. Wir sprechen hier von Erkrankungen, die mit dem Alter an Häufigkeit und Schwere zunehmen – Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Parkinson, Alzheimer, Multiple Sklerose aber auch die Folgen von Schlaganfall und Herzinfarkt. Zusammenfassend kann man aber feststellen, dass die Regenerative Medizin zum Ziel hat, Krankheiten mit Gewebeschäden schonend zu reparieren. Das würde nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen erhöhen, sondern auch die Belastungen des Gesundheitssystems nachhaltig reduzieren.

Um diese Ziele zu erreichen, verfolgt die Regenerative Medizin verschiedene Therapieansätze. Die Zelltherapie, bei der funktionsgestörtes oder fehlendes Gewebe ersetzt und die ursprüngliche Funktionsweise wiederhergestellt werden sollen. Die Verwendung von Gerüsten, die mit Zellen besiedelt werden, und das Tissue Engineering sowie die Nutzung körpereigener Signale für die gezielte Regeneration. Die regenerative Medizin ist demzufolge äußerst interdisziplinär aufgestellt, weswegen der Dialog zwischen den unterschiedlichen Bereichen einen hohen Stellenwert einnimmt. Die Weltkonferenz trägt dazu bei, diesen Dialog zu fördern.

4. Heilung von Rückenmarksverletzungen in der Unfallmedizin

Die Stammzelle: Neben der Behandlung altersbedingter Erkrankungen erhofft man sich von Stammzellen auch Optionen für die Unfallmedizin. Mit künstlich hergestellter Haut für Brandopfer kristallisieren sich bereits erste Erfolge heraus. Ihre Veranstaltung beschäftigte sich auch mit der großen Frage, ob die regenerative Medizin mit Hilfe von Stammzellen in der Lage sein wird, Rückenmarksverletzungen zu heilen und querschnittsgelähmten Menschen wieder das Laufen ermöglichen zu können?

Prof. Dr. Emmrich: Als Wissenschaftler sind wir verpflichtet, keine falschen Hoffnungen zu machen und im öffentlichen Diskurs einen realistischen Blick auf solche Fragestellungen zu werfen. Als wir diese Frage diskutierten, waren die Reaktionen jedoch überaus optimistisch. Die Wissenschaft ist sich weitgehend einig, dass der menschliche Körper über ein begrenztes Regenerationspotenzial verfügt. Im Falle von Rückenmarksverletzungen sind verschiedene regenerative Prozesse zu beobachten. Adulte Stammzellen sind in der Lage Nervenzellen auszubilden. Das Wachstum neuer Nervenfasern wird jedoch durch andere Heilungsprozesse und Narbenbildung behindert und es kommt nicht zur Wiederherstellung der ursprünglichen Funktion. Verschiedene Forschungsansätze und Studien versuchen, die regenerativen Potenziale zu lenken. Mit Hilfe von Stammzellen, Tissue Engineering (Gewebezucht) und biologischen Gerüsten (Scaffolds) wird versucht, das Nervenwachstum in die richtigen Bahnen zu lenken.

Auch wenn viele der Ansätze noch weit vom klinischen Alltag entfernt sind, so besteht doch Grund zur Hoffnung, dass diese medizinischen Probleme in Zukunft gelöst werden können.

5. Regenerationspotential des Menschen

Die Stammzelle: Die fünfte und letzte Frage sorgte für ein kleines Schmunzeln auf den Gesichtern der Wissenschaftler. Ein kleines Mädchen hatte in der Schule gelernt, dass eine Eidechse ihren Schwanz auf der Flucht vor Räubern abtrennen kann und dieser anschließend nachwächst. Die Frage, ob der Arm eines Menschen ebenfalls nachwachsen könne, ist ebenso naiv wie visionär. Wie steht es tatsächlich um das Regenerationspotenzial des Menschen?

Prof. Dr. Emmrich: Schaut man sich im Tierreich um, findet man viele Tierarten mit erstaunlichen regenerativen Fähigkeiten. Süßwasserpolypen z. B. bilden zwei völlig neue Organismen, teilt man ein Individuum in zwei Hälften. Ähnliche Potenziale haben auch Seesterne. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist der Salamander. Wird dem Salamander ein Bein abgetrennt, so wächst dieses vollständig nach. Wir Menschen verfügen leider nicht über ein vergleichbares Regenerationspotenzial an dieser Stelle. Dennoch sind die regenerativen Fähigkeiten des menschlichen Körpers nicht zu unterschätzen. So heilen Knochenbrüche, kleinere Verbrennungen sowie Hautdefekte und auch die Leber ist in der Lage, defektes oder fehlendes Gewebe zu regenerieren. Das menschliche Blut wird dank blutbildender Stammzellen alle 30-120 Tage einmal komplett neu gebildet und die Haut permanent erneuert. In bestimmten Körperbereichen haben wir Menschen demnach durchaus ähnliche Potenziale wie der Salamander. Der Unterschied besteht hauptsächlich darin, dass es dem menschlichen Organismus nicht gelingt, diese in ausreichender Form zu organisieren, um ganze Extremitäten regenerieren zu können.

Sofern es gelingen sollte, die Steuerungsmechanismen zu entschlüsseln, könnten daraus vielleicht neue Behandlungsverfahren entwickelt werden. Vom aktuellen Stand der Wissenschaft aus gesehen, bleibt es jedoch eine Vision.

Die Stammzelle: Sehr geehrter Herr Professor Emmrich, wir freuen uns, dass eine Veranstaltung vom Format der Weltkonferenz für Regenerative Medizin die Fragen der Menschen und Patienten unserer Gesellschaft nicht ignoriert. Wir bedanken uns für das aufschlussreiche Interview und wünschen Ihnen für die Zukunft noch zahlreiche Forschungserfolge und einen gelungenen Dialog zwischen den verschiedenen Disziplinen der Regenerativen Medizin.

 

Prof. Dr. Frank Emmrich
Leiter des Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie

Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie IZI
Perlickstr. 1, 04103 Leipzig, Germany

Tel: +49 341 35536 1000
Fax: +49 341 35536 9912

http://www.izi.fraunhofer.de 

 

 

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