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Samstag, 22. September 2018

 
Prof. Dr. med. Steinhoff

2009 Stammzelltherapie bei Herzkrankheiten - Langfristig Hoffnung auf Heilung

Der Rostocker Herzchirurg Prof. Dr. med. Gustav Steinhoff ist davon überzeugt, dass eine Therapie mit autologen Stammzellen bei Herzkrankheiten langfristige Heilungschancen eröffnet. Seit den 1980er Jahren widmet er sich diesem Thema und gilt international als Experte. 2001 hat er, weltweit zum ersten Mal, einem Patienten bei einer Herzoperation Stammzellen implantiert. Mit dem neu gegründeten "Referenz- und Translationszentrum für kardiale Stammzelltherapie" will er die in Rostock entwickelte Therapie in absehbarer Zeit bis zur allgemeinen Zulassung der Behandlung weiter entwickeln.

DieStammzelle: Herr Dr. Prof. Steinhoff, Sie befassen sich seit vielen Jahren mit der Stammzelltherapie für Herzkrankheiten und haben dieses Gebiet schon sehr weit vorangebracht. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Prof. Dr. Steinhoff: Als Mediziner beschäftige ich mich seit über 20 Jahren mit der Entwicklung neuer Therapieverfahren für den Gewebe- und Organersatz im Herz-Kreislaufsystem. Entscheidend für den Weg zur Stammzelltherapie und zum kardialen Tissue-Engineering waren für mich Ende der 80er Jahre eigene Forschungsergebnisse über Knochenmark-abhängigen Zellaustausch in Herz- und Lebertransplantaten. Die klinische Anwendung dieser Regenerationsfähigkeit durch Zell-basierte Therapien habe ich zuerst zusammen mit Prof. Haverich in Hannover und seit 2000 mit meiner Arbeitsgruppe in Rostock zu meinem Forschungs- und Entwicklungsziel gemacht.

Als Herzchirurg sucht man natürlich nach Möglichkeiten, den Patienten besser und dauerhaft zu helfen. Leider regeneriert sich das Herz nicht von allein. Wenn, beispielsweise durch einen Herzinfarkt, erst einmal Muskelgewebe abgestorben ist, kann man das nicht mehr rückgängig machen. Die Folgen sind sehr unangenehm, da ein schlecht pumpendes Herz alle Körperfunktionen dauerhaft beeinträchtigt und damit die Lebensqualität der Betroffenen.

Stammzellen tragen dazu bei, den geschädigten Herzmuskel wieder zu beleben. Das wissen wir aus jahrelanger Forschung im Labor, also an Tieren, aber auch aus klinischen Studien. Es gibt verschiedene Ansätze, die Stammzellen an die Stelle zu transportieren, an der sie gebraucht werden, von denen zwei schon sehr gut erforscht sind: Zum einen die intramyokardiale Methode im Rahmen von Herzoperationen, die wir in Rostock anwenden, zum anderen die intrakoronare Methode, die der Düsseldorfer Kardiologe Prof. Bodo-Eberhard Strauer sehr weit entwickelt hat.

DieStammzelle: Worin besteht der Unterschied?

Prof. Dr. Steinhoff: Bei der kardialen Stammzelltherapie geht es immer darum, die Stammzellen in die Randgebiete des Infarkts zu transportieren, dorthin, wo das Muskelgewebe zwar durch den Infarkt geschädigt, aber noch nicht abgestorben ist. Hier sollen sie aktiv werden und die Regeneration des Herzmuskels voranbringen. Wenn der Patient am Herz operiert wird, zum Beispiel einen Bypass bekommt, kann man die Stammzellen direkt in den Herzmuskel spritzen. Das machen wir in Rostock.

Weiterhin kann man Stammzellen über die Herzkranzgefäße, also über die Versorgungsleitungen des Herzens, in das Infarktgebiet leiten. Das ist die intrakoronare Methode, die in Düsseldorf angewendet wird, und zwar, wenn der Patient keine Herz-Operation braucht. Ein weiterer Unterschied betrifft die Frage, welche Stammzellen für die Therapie verwendet werden. Zwar sind es in beiden Fällen Stammzellen, die aus dem Knochenmark des Patienten entnommen werden, aber für die Rostocker Therapie wird aus diesem Gemisch hauptsächlich eine Sorte Stammzellen herausgefiltert, die so genannten CD133+ Zellen . Unsere Forschung hat gezeigt, dass diese besonders wirkungsvoll für die intramyokardiale Therapie sind. Bei der intrakoronaren Therapie ist es dagegen effektiver, mehrere nicht selektierte Stammzellfraktionen einzusetzen.

DieStammzelle: Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an: die Wirksamkeit. Oft wird den Stammzellforschern ja vorgehalten, dass die Wirksamkeit der Therapien noch nicht bewiesen ist. Wie sieht das bei der kardialen Stammzelltherapie aus?

Prof. Dr. Steinhoff: Insgesamt haben wir bisher 138 Patienten bei Herzoperationen mit Stammzellen behandelt. Eine Verbesserung der Pumpfunktion bei den behandelten Patienten ist objektiv und subjektiv messbar. Im Rahmen von klinischen Studien der Phase I/II haben wir Patienten vor und ein halbes Jahr nach der Operation zu umfangreichen Untersuchungen in die Klinik eingeladen, und befragen sie zudem jährlich telefonisch nach ihrem Befinden. So konnten wir objektiv messen, dass sich bei den Stammzellpatienten, im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne Stammzellbehandlung, die Pumpleistung des Herzens im Schnitt um 10% erhöht hatte. Auf das Wohlbefinden der Patienten wirkt sich das oft noch stärker aus, die "gefühlte" Steigerung der Leistungsfähigkeit (gemessen am NYHA-Stadium der Herzinsuffizienz) und Verbesserung der Lebensqualität (gemessen nach Lebensqualitätsanalysen) unserer Studienpatienten liegt deutlich über Kontrollpatienten, die mit Standardtherapie behandelt wurden.

In den Studien, wie übrigens auch im Tierversuch, haben wir bisher keine Nebenwirkungen der Therapie beobachtet. Mit diesen Ergebnissen haben wir die Krankenkassen überzeugen können, auf der Grundlage einer DRG die Stammzelltherapie zu erstatten. In Rostock ist es seit 2006 möglich, dass die Krankenkasse die Stammzelltherapie bei bestimmten Indikationen übernimmt. Jetzt gehen wir den nächsten Schritt auf dem Weg zur allgemeinen Zulassung der Therapie: im Sommer wurde uns eine klinische Studie der Phase III genehmigt, die knapp 150 Patienten einschließen soll.

Das ist eine multizentrische, Placebo-kontrollierte, randomisierte, doppelblinde Studie nach GCP. Das bedeutet zunächst einmal, dass drei Studienzentren beteiligt sind, außer Rostock sind das die Medizinische Hochschule Hannover und das Deutsche Herzzentrum Berlin. Die Studienpatienten werden in zwei Gruppen geteilt, eine bekommt die Stammzelltherapie, die andere ein Placebo.
Sowohl die behandelnden Ärzte als auch die Patienten wissen nicht, welcher Patient zu welcher Gruppe gehört, aber für die Auswertung der Daten kann das zurückverfolgt werden. Mit diesen Maßnahmen wird sichergestellt, dass die beiden Gruppen gut vergleichbar sind und nicht subjektive Einflüsse auf die Therapie das Ergebnis verfälschen. In gut zwei Jahren soll die Studie abgeschlossen sein und dann werden wir, hoffentlich, gegenüber den Genehmigungsbehörden die Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit nachweisen können.

DieStammzelle: Die klinischen Ergebnisse klingen ja viel versprechend. Welche Erkenntnisse haben Sie denn bezüglich der genauen Wirkungsweise der Stammzellen im Herzen? Und wie wollen Sie die Qualität der Behandlung garantieren?

Prof. Dr. Steinhoff: Zur Wirkungsweise und Sicherheit forschen wir die ganze Zeit, auch parallel zu den klinischen Studien. Eine Therapie zu entwickeln, bei der auf der Grundlage von patienteneigenen Wirkstoffen ein Arzneimittel hergestellt und verabreicht wird, ist ja etwas grundlegend anderes, als die Herstellung eines Medikaments, das für alle gleich ist. Die individuelle Konstellation des Spenders, der ja gleichzeitig Empfänger ist, das Herstellungsverfahren und die Art der Applikation bestimmen das Produkt.

Besondere Bedeutung bekommt bei einem biotechnologischen Produkt der Prozess der Herstellung. Dafür gibt es international anerkannte Standards, die unter dem Begriff GMP. zusammengefasst sind, daran halten wir uns natürlich. Was aber die notwendigen Qualitätskontrollen des Produktes betrifft, müssen für Stammzelltherapien erst einmal wissenschaftlich begründete Standards definiert werden. Daran wird weltweit geforscht, auch von unseren Forscherteams gibt es dazu eine ganze Reihe an Veröffentlichungen; ich denke, wir sind da auf einem guten Weg.

Mit der Frage, was die Stammzellen im Herzen genau bewirken, setzen wir uns natürlich auch auseinander, auch hier haben wir bereits viel veröffentlicht. Hier haben wir in den letzten Jahren nachweisen können, dass die transplantierten Zellen hauptsächlich über die Freisetzung von Wachstumsfaktoren und Botenstoffen ihre therapeutische Wirkung entfalten und dies in einer Gefäßneubildung resultiert. Die Steuerung dieser Heilungsprozesse im Herzmuskel ist allerdings noch nicht gut verstanden. Begleitend zu unserer Phase-III-Studie haben wir erneut ein größeres Forschungsprogramm aufgelegt, um genau diese Fragen beantworten zu können, wenn wir eine Zulassung der Therapie beantragen. 

DieStammzelle: Die Stammzelltherapie für Leukämie ist bisher die einzige etablierte Anwendung von Stammzellen außerhalb klinischer Prüfungen. Wird die kardiale Stammzelltherapie die Nummer 2?

Prof. Dr. Steinhoff: Das würde uns schon gefallen. Bis dahin ist aber noch ein gutes Stück Weg zurückzulegen. Zunächst müssen wir die Ergebnisse unserer Studie abwarten. Wenn die positiv ausfallen, können wir eine Zulassung beantragen. Aus guten Gründen ist es kompliziert und langwierig, ein neues Arzneimittel "in Verkehr zu bringen", wie es im Arzneimittelgesetz heißt. Denn weder kann dem Patienten zugemutet werden, dass er sich unwirksamen und möglicherweise unsicheren Therapien unterzieht, noch können dem Beitragszahler der Krankenversicherung die Kosten für derartige Therapien aufgenötigt werden. Daher wird hier streng geprüft, ob die Therapie wirksam und auch unter wirtschaftlichen Aspekten sinnvoll ist. Weil aber die Regenerative Medizin so neu ist, gibt es kaum Erfahrungen mit dem so genannten Translationsprozess in diesem Bereich.

In Deutschland ist die Forschung im Bereich der Regenerativen Medizin ja sehr weit, aber die Überführung in die klinische Anwendung funktioniert nicht so gut. Darum haben wir Anfang 2009 das Referenz- und Translationszentrum für kardiale Stammzelltherapie (RTC) gegründet, das von Bund und dem Land Mecklenburg-Vorpommern gefördert wird. Hier koordinieren Translationsexperten die Zusammenarbeit der Forscher und Ärzte, beziehen auch die Genehmigungsbehörden und Kostenträger mit ein und begleiten zunächst die kardiale Stammzelltherapie bis hin zur Anwendung als standardisierte und qualitätsgesicherte Therapie. Die Erfahrungen, die sie dabei sammeln, sollen später auch anderen Therapieentwicklungen der Regenerativen Medizin zugute kommen.

DieStammzelle: Einige private Kliniken habe die Stammzelltherapie, auch für Herzkrankheiten, ja bereits als Geschäftsmodell entdeckt. Was ist davon zu halten?

Prof. Dr. Steinhoff: Im jetzigen Stadium der Entwicklung sind Geschäftsmodelle nicht angebracht. Insbesondere wenn die notwendigen medizinischen Qualitätsstandards und Absicherung durch klinische Studienergebnisse nicht klar ersichtlich sind und hohe Preise verlangt werden. Patienten sollten sich deshalb bis zur definitiven Arzneimittelzulassung der Therapien an die etablierten Therapiezentren wenden, die auch von den Krankenkassen für die Erstattung anerkannt sind.

Kontakt:

Referenz- und Translationszentrum für kardiale
Stammzelltherapie Universität Rostock (RTC)
Leitung: Prof. Dr. med. Gustav Steinhoff
Schillingallee 68
D-18057 Rostock

Telefon: 0381 - 494 61 00
Fax:  0381 - 494 61 02
gustav.steinhoff@med.uni-rostock.de
www.cardiac-stemcell-therapy.com

 

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