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Donnerstag, 22. Februar 2018

 

2009 Der neueste Stand der Forschung: Wie weit ist die Zellersatztherapie bei neurodegenerativen Erkrankungen?

Auch mit diesem Thema des Monats bietet das Internetportal "DieStammzelle wieder leicht verständliche Informationen über hoch spezialisierte Stammzellforschung. Professor Dr. med. Guido Nikkhah, Ärztlicher Direktor, Abteilung Stereotaktische Neurochirurgie, Neurozentrum Universitätsklinikum Freiburg, berichtet in einem Interview über die Versuche, durch Zelltransplantationen bisher unheilbare Nervenkrankheiten zukünftig besser behandeln zu können als es bisher möglich ist.

DieStammzelle: Herr Professor Nikkhah, Sie forschen an Therapien zum Ersatz untergegangener Zellen bei neurodegenerativen Erkrankungen. Was ist damit gemeint?

Prof. Dr. Nikkhah: Verschiedene degenerative Erkrankungen des Nervensystems zeichnen sich dadurch aus, dass ganz bestimmte Nervenzellen (Neurone) absterben. Es gibt zwei Beispiele, an denen besonders intensiv geforscht wird: Die Parkinson-Krankheit und die Huntington-Krankheit. Bei beiden Erkrankungen ist inzwischen relativ gut bekannt, welche Zelltypen in den einzelnen Hirnarealen zu Grunde gehen. Unser Ziel ist es, durch den "Ersatz" dieser Neurone eine anhaltende Linderung der Symptomatik herbeizuführen.

DieStammzelle: Was sind die genauen Mechanismen, die den Erkrankungen zu Grunde liegen? Gibt es da Gemeinsamkeiten?

Prof. Dr. Nikkhah: Sie sprechen einen Bereich an, der in der Fachwelt schon seit Jahren intensiv erforscht und diskutiert wird.
Bei der Huntington-Krankheit weiß man inzwischen, dass eine Veränderung des Huntingtin-Gens zu Grunde liegt. Diese Mutation kann von einer Generation auf die nächste übertragen werden, und dabei in ihrem Ausmaß zunehmen. Man weiß, dass im Gehirn von Betroffenen Eiweiße abgelagert werden. Unklar ist die genaue Bedeutung dieser Einschlüsse. Letzten Endes kommt es zum Absterben von bestimmten Nervenzellen, den GABAergen Neuronen im Corpus striatum.
Für die Patienten ist es dabei besonders schlimm, wenn sie die Erkrankung von ihren Eltern geerbt haben: Sie sind dann oft Zeuge des langen Leidensweges ihrer Verwandten geworden und fürchten, dass die Erkrankung bei Ihnen denselben Verlauf nimmt. Typische Symptome sind Überbewegungen die alle Körperteile, auch das Gesicht und die Zungenmuskulatur betreffen können. Dies hat der Erkrankung früher auch den Namen Veitstanz eingebracht. Außerdem haben viele der Patienten –aber nicht alle- auch Einschränkungen des Gedächtnisses und der intellektuellen Fähigkeiten. Die Erkrankung führt oft rasch zur Arbeitsunfähigkeit, zunehmender Behinderung und, am Ende, auch zu völliger Pflegebedürftigkeit. Entsprechend groß ist die Belastung für die Familie der Betroffenen.
Bei der Parkinson-Krankheit weiß man inzwischen, dass es zu typischen Einschlüssen in Nervenzellen kommt, die zum Zelltod führen können. Hiervon sind aber nur bestimmte Arten von Zellen betroffen. Außerdem gibt es wissenschaftliche Daten, die darauf hinweisen, dass sich diese Einlagerungen entlang bestimmter Bahnen ausbreiten: Die ersten Zeichen der Pathologie finden sich im Hirnstamm, von hier aus greift die Erkrankung dann auf das Mittelhirn, Basalganglien und am Ende sogar möglicherweise auf die Großhirnrinde über. Die klassische Symptomatik besteht vor allem aus Bewegungsarmut, Muskelsteifigkeit und gelegentlich auch aus einer Art Zittern, dem Tremor. Für diese Symptomatik besonders wichtig ist der Verlust von Nervenzellen im Mittelhirn, die den Botenstoff Dopamin freisetzen. Aber wie auch der Huntington-Krankheit sind hierbei mehr Fragen offen als gelöst.

DieStammzelle: Gibt es für diese Erkrankungen nicht schon wirksame Therapien, wie die tiefe Hirnstimulation für Parkinson-Patienten, oder Medikamente?

Prof. Dr. Nikkhah: Die Situation ist hier je nach Erkrankung unterschiedlich: Für die Parkinson-Krankheit beispielsweise gibt es eine breite Palette von Therapieoptionen. Dazu zählen wirksame Medikamente mit unterschiedlichen Wirkmechanismen. Die meisten zielen darauf ab, den Botenstoff Dopamin zu ersetzen oder seine Funktion zu übernehmen. Nach einer langfristigen Behandlung wird die Motorik immer unberechenbarer, und Phasen mit oft quälenden Überbeweglichkeiten wechseln sich mit Bewegungsarmut ab. Oder es kommt dann häufig zu neuen Bewegungsstörungen, den so genannten Dyskinesien. Hier hilft dann bei einem Teil der Patienten die tiefe Hirnstimulation – dies ist aber kein "Zellersatz durch einen Computer", und die Lebensqualität, die sich am Beginn dieser Therapie häufig deutlich verbessert, lässt mit der Zeit wieder nach, da die Erkrankung unter der Behandlung weiter fortschreitet.

DieStammzelle: Und wie ist es bei anderen Erkrankungen?

Prof. Dr. Nikkhah: Von der Huntington-Erkrankung wissen wir, dass medikamentöse Therapien nur eingeschränkt wirken, und ein viel geringeres Potential haben, den körperlichen und geistigen Verfall der Patienten aufzuhalten. Die geringfügigen Änderungen erkauft man sich zum Teil mit vielfältigen Nebenwirkungen.
Daneben gibt es noch eine Reihe anderer, teilweise recht seltener Erkrankungen, für die es noch weniger therapeutische Möglichkeiten gibt. Hier ist der Bedarf an neuen Behandlungskonzepten besonders groß.

DieStammzelle: Laienhaft gesprochen wäre doch eine Therapie viel einleuchtender, die den Untergang von Nervenzellen aufhält.

Prof. Dr. Nikkhah: Sie haben völlig recht, eine Behandlung, welche die Degeneration der betroffenen Nervenzellen im Zentralnervensystem aufhalten könnte, wäre für die Patienten ein entscheidender Durchbruch. Hierzu hat es schon eine Reihe von klinischen Studien gegeben, die bislang aber keinen klaren Vorteil nachweisen konnten. Ich glaube aber, dass solchen Behandlungen zukünftig eine wichtige Rolle zukommen könnte. Allerdings wird man mit Ihnen wohl den Verlust von Nervenzellen lediglich verlangsamen können, eine völlige Heilung ist nach heutiger Erkenntnis unwahrscheinlich. Und wie immer ist die Frage, welche Nebenwirkungen entstehen. Interessant ist die Kombination einer Zellersatztherapie mit solchen antiprogressiven Ansätzen, um z.B. für Huntington-Patienten einen optimalen Effekt zu erzielen.

DieStammzelle: Vor diesem Hintergrund ist die Erforschung der Zellersatztherapie sicherlich interessant. Sie haben jetzt nur neurodegenerative Erkrankungen angesprochen. Aber es gibt in Deutschland doch auch viele Schlaganfall-Patienten, die dringend bessere Therapiemöglichkeiten benötigen. Kommt eine solche Behandlungsmöglichkeit auch für diese Patienten in Frage?

Prof. Dr. Nikkhah: Zellbasierte Therapieansätze sind auch in diesem Bereich gerade im Begriff, den Weg in die Klinik zu nehmen. Aus dem Knochenmark können Zellen gewonnen werden, die teilweise Stammzell-Eigenschaften haben. Versuchstiere, bei denen man einen Schlaganfall experimentell ausgelöst hat, haben hiervon deutlich profitiert. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um einen Ersatz von Nervenzellen durch neue, sondern wahrscheinlich um eine Stabilisierung geschädigter, aber noch lebensfähiger Nervenzellen – zum Beispiel durch die Freisetzung von Botenstoffen.
Bei den neurodegenerativen Erkrankungen haben wir aber das Ziel, abgestorbene Nervenzellen durch neue Zellen direkt vor Ort zu ersetzen. Diese müssen dann im Idealfall auch die richtigen Verknüpfungen mit dem Empfänger-Nervensystem wiederherstellen. Und hier liegt bei Schlaganfall-Patienten eine der weiteren großen Hürden: Bei Schlaganfall-Patienten sind ganz häufig Zentren des Nervensystems betroffen, deren Faserverbindung im ZNS oft sehr weit verzweigt sind. Diese anatomisch wiederherzustellen ist bislang nicht möglich, da man dass Aussprossen von Fasern über so lange Strecken nicht beeinflussen kann. Außerdem ist oft die Blutversorgung zusätzlich so gestört, dass man nicht wissen kann, ob die neuen Zellen unter diesen Bedingungen "anwachsen" können.

DieStammzelle: Welche Arten von Stammzellen eignen sich denn für den "Ersatz" von Nervenzellen?

Prof. Dr. Nikkhah: Es bestehen bestimmte Anforderungen: Einerseits müssen die Zellen ein intrinsisches Differenzierungspotential haben. Das bedeutet, dass sie in sich bereits eine Art von Entwicklungsprogramm tragen, dass nach Transplantation in das Empfängergehirn aktiviert werden kann. Die Zellen müssen auch ohne weitere Beeinflussung von außen einem definierten Entwicklungspfad folgen können. Nur so wird verhindert, dass sich die Zellen beispielsweise in nicht-neurale Gewebe umwandeln, und dann sogar schädlich sind. Die Zellen dürfen in ihrer Entwicklung nicht zu weit fortgeschritten sein: Je weiter Neurone entwickelt sind, umso empfindlicher reagieren sie auf Umwelteinflüsse. Nervenzellen bei Erwachsenen beispielsweise gehören zu den Zellen, die bei einem Kreislaufstillstand als erste absterben; sie gehören zu den empfindlichsten Zellen des Körpers.

DieStammzelle: Hierbei denkt man natürlich unweigerlich an die ethischen Probleme einer solchen Behandlung. Wie kann denn eine Stammzelltherapie unter diesen Voraussetzungen überhaupt etabliert werden?

Prof. Dr. Nikkhah: Sie sprechen hier einen ganz wichtigen Punkt an. Bislang ist die Forschung auf embryonale oder fetale Stammzellen angewiesen – beides ist sicherlich nur eine Übergangslösung. Im Jahr 2006 ist es erstmals gelungen, Stammzellen aus Hautzellen von Mäusen zu züchten. Nur wenig später gelang dieser Versuch auch bei menschlichen Zellen. Seitdem hat eine rasante Entwicklung stattgefunden, die darauf abzielt, Stammzellen für therapeutische Zwecke herzustellen, um hieraus wieder Gewebe für die Behandlung herzustellen. Aber auch andere Zellen könnten zukünftig den Platz der ethisch bedenklichen Zelltypen einnehmen: Zum Beispiel die Stammzellen, die man ohne genetische Modifikation bei Erwachsenen gewinnen kann, oder Zellen aus dem Nabelschnurblut. Hier gilt ebenso: Gerade für die Ersatztherapie, wie Sie bei uns in Freiburg intensiv experimentell untersucht wird, bestehen mit diesen genannten Zelltypen bislang kaum Erfahrung, und ihre therapeutische Bedeutung zum Beispiel für den Morbus Parkinson wird in der Fachwelt immer noch kritisch diskutiert. Hier muss noch viel wissenschaftliche Entwicklungsarbeit geleistet werden!

DieStammzelle: Sicherlich ist diese Form der Zelltherapie ein ganz neues Gebiet.

Prof. Dr. Nikkhah: Die ersten tierexperimentellen Versuche stammen aus den späten 70er und frühen 80iger Jahren. Die Entwicklungsschritte am Beginn waren die Etablierung eines Tiermodells für die Parkinson-Krankheit. Parkinson kommt bei Versuchtieren nicht vor, also musste man einen Weg finden, die Krankheit zu simulieren. Schließlich wurde die Neurotransplantation und kritische Parameter umfangreich in Tierversuchen getestet. Meine eigene wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet begann 1991 bei Prof. Anders Björklund in Lund, Schweden, wo ich eine spezialisierte Methode der minimal-invasiven, hoch-effektiven Transplantation der Stammzellen entwickelt habe. Bis zum heutigen Tag arbeiten wir weiter an der Optimierung der Technik, aber auch an neuen Zell-Ressourcen.

DieStammzelle: Wie kann man in einem solchen Tiermodell den therapeutischen Effekt bestimmen?

Prof. Dr. Nikkhah: Einen Patienten würden wir untersuchen und befragen. Bei den Versuchstieren ist das schwieriger, denn wir müssen sie motivieren, an dem Test teilzunehmen und ihn tiergerecht gestalten. Die Entwicklung von geeigneten Testmethoden ist wiederum eine langwierige Aufgabe. Die Parkinson-typische Veränderung der Beweglichkeit können wir zum Beispiel mit Greiftests untersuchen: Ratten bekommen kleine Futterportionen angeboten, nach denen sie zuerst greifen müssen. Durch Zählen der so gegriffenen Futterstücke kann man mit einer Messzahl die Symptomatik beschreiben und vergleichen. Es gibt auch Systeme zur Ganganalyse und gezielte Schreittests.
All das sind aufwendig entwickelte Systeme, die erst lange getestet werden mussten – einige stammen aus der Freiburger Arbeitsgruppe. Manche Methoden sind auch nur geeignet, um für die Erfassung von Symptomen einer bestimmten Krankheit eingesetzt zu werden.

DieStammzelle: Aber wie erfasst man zum Beispiel Gedächtnisleistungen, wie bei Huntington?

Prof. Dr. Nikkhah: Hier gibt es als eine Möglichkeit Labyrinthaufgaben. Ratten müssen sich zum Beispiel merken, an welchen Stellen Futter bereit liegt.

DieStammzelle: Wurde das Konzept des Zell-Ersatzes denn schon in klinischen Studien angewendet?

Prof. Dr. Nikkhah: Ja, insbesondere in den 90er Jahren gab es eine Reihe von klinischen Versuchen. Hierbei hat man fetale Stammzellen eingesetzt, die sich nach Transplantation dann zum Beispiel in dopaminerge Zellen ausdifferenziert haben.
Die erste Krankheit, die man so behandelt hat, war die Parkinson-Krankheit, erst später wurden Patienten mit Morbus Huntington transplantiert.

DieStammzelle: Wie haben denn die Patienten davon profitiert?

Prof. Dr. Nikkhah: Bei der Parkinson-Erkrankung wurden nach einer anfänglichen Optimierung verschiedener Parameter teilweise beachtliche Effekte erzielt. So hat die Bewegungsarmut um bis zu 50 Prozent nachgelassen, einige Patienten konnten ihre Medikamente sogar ganz absetzen. Die Mehrzahl der Patienten, die vor der Transplantation Wirkungsfluktuationen und Dyskinesien hatten, berichtete über eine deutliche Verbesserung und Steigerung ihrer Lebensqualität.

DieStammzelle: Woher weiß man denn, dass diese Verbesserung auf die Transplantation zurückzuführen ist? Ist es denn sicher, dass die Stammzellen tatsächlich auch beim Menschen zu Nervenzellen ausreifen?

Prof. Dr. Nikkhah: Hier sind in der Vergangenheit zwei Methoden angewendet worden. Einerseits kann man bildgebende Untersuchungen durchführen, wie die Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Hier erhalten Patienten Infusionen mit radioaktiv markierten Substanzen. Diese Substanzen können ganz unterschiedlich aufgebaut sein. Wichtig ist, dass sie von den Zellen aufgenommen werden oder an die Zellen spezifisch binden, die von der Erkrankung betroffen sind. Bei Parkinson-Patienten hat man zum Beispiel Fluorodopa verwendet, dass von den transplantierten Zellen aufgenommen und zu Dopamin verstoffwechselt wird. Hier konnte man sehen, dass nach Transplantation die Fluorodopa-Aufnahme am Transplantationsort zugenommen hat, was ein Zeichen für das Überleben und Ausreifen der Zellen ist. Für die Huntington-Transplantation gibt es einen weiteren PET-Marker, das Raclopride. Es bindet sich an die Dopamin-Rezeptoren. Man weiß nämlich, dass die transplantierten Zellen der ganglionären Eminenz besonders viele dieser Rezeptoren bilden können. Allerdings ist der Raclopride-Marker sehr schwer herzustellen und nur kurzzeitig haltbar. Außerdem gibt es viele Interaktionen mit den Huntington-Medikamenten.
Bei Parkinson-Patienten konnte man außerdem nachweisen, dass sich auch der Stoffwechsel in entfernten, nicht-transplantierten Hirnarealen normalisiert, was für eine echte Integration des Transplantats spricht.

DieStammzelle: Aber das sind doch eher indirekte Nachweise, oder?

Prof. Dr. Nikkhah: Inzwischen sind auch einige Patienten zum Teil mehr als zehn Jahre nach der Transplantation verstorben, zum Beispiel bei Autounfällen oder am Herzinfarkt. In einigen Fällen konnten die Gehirne untersucht werden. Mit verschiedenen Färbemethoden konnte man nachweisen, dass die Transplantate überleben und dass Verbindungen zwischen Empfängerhirn und Spenderzellen hergestellt wurden. Außerdem haben die Zellen die typische Form reifer Nervenzellen angenommen und auch die erforderliche enzymatische Ausstattung entwickelt.
Bei der Huntington-Transplantation konnten ähnliche Ergebnisse erbracht werden, allerdings gibt es hier viel weniger Fälle.

DieStammzelle: Greift eigentlich die Krankheit auch auf das Transplantat über?

Prof. Dr. Nikkhah: Es gibt bei der Parkinson-Transplantation zum Teil widersprüchliche Befunde. Es existieren Hinweise, dass die pathologischen Einschlüsse der PD-Transplantation auch in einem geringen Anteil der Spender-Zellen gefunden werden. Dies heißt aber wahrscheinlich nicht, dass das Transplantat dadurch versagt. Allerdings könnten diese Ergebnisse auch zu einem neuen Verständnis der Pathologie der Erkrankung führen.

DieStammzelle: Sie haben die zum Teil positiven Ergebnisse bei Parkinson Patienten angesprochen. Warum wurden die Studien nicht fortgeführt?

Prof. Dr. Nikkhah: Die ersten Ergebnisse auf dem Gebiet stammen aus Open Label-Studien. Das sind Versuche, bei denen alle Probanden die gleiche Behandlung erhalten. Man weiß aber, dass allein die Hoffnung durch die Teilnahme an einer Studie zu einer oft beachtlichen Verbesserung führen kann. Um diesen Placeboeffekt berücksichtigen zu können, muss man placebokontrollierte Studien durchführen. Zwei solcher vergleichenden Studien wurden von amerikanischen Arbeitsgruppen vorgenommen, allerdings zu einem Zeitpunkt, wo sich die Transplantationsmethode noch in der Entwicklung befand. Außerdem waren wichtige Fragen, wie z.B. die Immunsuppression , die Auswahl der Patienten und besonders die Aufbereitung des Gewebes noch ungeklärt und wurden anders durchgeführt als in den vorangegangenen erfolgreichen Open Label-Studien. Dies hat dazu geführt, dass die transplantierten Patienten im Vergleich zur Placebogruppe in der Gesamtbetrachtung der klinischen Ergebnisse keine signifikante Verbesserung aufweisen konnten.

DieStammzelle: Kann man daraus schließen, dass die Stammzelltherapie nicht wirksam ist?

Prof. Dr. Nikkhah: Zum jetzigen Zeitpunkt sicherlich noch nicht, und dies aus mehreren Gründen. Zunächst einmal haben viele Forscher die Daten genauer analysiert und kamen zu verblüffenden Ergebnissen. In einer Studie wurden die Probanden während der ersten sechs Monate nach Transplantation immunsupprimiert. In dieser Zeit erlebten die meisten der behandelten Patienten eine signifikante Verbesserung ihrer motorischen Fähigkeiten (Motorik), wie es schon in den unkontrollierten Studien beschrieben worden war. Erst nach Absetzen der Immunsuppression verschlechterte sich der Zustand erneut, bei vielen sogar bis auf die Ausgangswerte.

 

In der anderen der beiden doppelblind randomisierten Studien profitierte nur die Untergruppe der unter 60-jährigen signifikant, aber anhaltend.
Einerseits haben diese Ergebnisse zunächst zur Pausierung der Parkinson-Transplantation geführt. Inzwischen sind aber viele der Einflussfaktoren bekannt, die zu den Ergebnissen geführt haben. Es wird nun im Rahmen des Forschungsprogramms 7 der Europäischen Union eine internationale klinische Transplantations-Studie für Parkinsonpatienten geben. In dieser Studie wird unter Anwendung eines verbesserten Protokolls und vieler neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse der letzten Jahre erneut die Sicherheit und Effektivität der Stammzelltherapie untersucht werden, an der auch unser Freiburger Zentrum beteiligt ist.

DieStammzelle: Gibt es denn Nebenwirkungen, die mit der Behandlung verbunden sind?

Prof. Dr. Nikkhah: Wie bei jeder wirksamen Behandlung müssen hier potentielle Nebenwirkungen berücksichtigt und genau untersucht werden. Die Immunsuppression, die in der Regel für ein bis anderthalb Jahre durchgeführt werden muss, kann mit einem erhöhten Risiko für Infektionen einhergehen. Tuberkulose oder andere sonst durch das Immunsystem unterdrückte Leiden, können dann klinisch relevant werden. Oder die Nierenfunktion kann beeinträchtigt werden.
Die Operationstechnik basiert auf den minimal-invasiven stereotaktischen Methoden , kann aber auch in seltenen Fällen zu bleibenden Schäden führen, zum Beispiel durch Blutungen. Dieses Risiko kann durch unsere computergestützten Implantationsplanungen jedoch sehr stark reduziert werden. Wirklich mit der Transplantation verbunden sind aber die wenigsten Nebenwirkungen. Wenn das fetale Gewebe zu ungenau präpariert wird, können auch unerwünschte Einschlüsse von unpassenden Gewebsanteilen ortsfremde Zellen in das Empfängergehirn gelangen und dort die Transplantatfunktion stören oder Hirnstrukturen verdrängen. Wir beugen diesem Risiko mit einem aufwendigen Trainingsprogramm der an der Aufarbeitung beteiligten Mitarbeiter und einer doppelten Kontrolle der Arbeitsschritte vor.
Bei der Parkinson-Transplantation sind zum Teil spezifische Nebenwirkungen in Form von Dyskinesien aufgetreten, also neue Bewegungsstörungen, die gleichzeitig trotz einer sonst erfreulichen klinischen Besserung beobachtet wurden. Die Ursachen hierfür wurden in den letzten Jahren umfangreich erforscht und erklärt, so dass nun verbesserte Transplantationsprotokolle entwickelt werden konnten.

DieStammzelle: Wer darf ein solches Verfahren durchführen? Durch welche Gesetze sind die Patienten geschützt?

Prof. Dr. Nikkhah: Man muss deutlich betonen, dass sich die Stammzelltherapie für Erkrankungen des menschlichen ZNS noch in einem experimentellen Stadium befindet. Deshalb sollte diese Therapie nur im Rahmen von kontrollierten klinischen Studien durchgeführt werden. Insbesondere Angebote mancher Kliniken und Ärzte, solche Verfahren jetzt schon mit Heilversprechen einzusetzen und als etablierte Behandlungsansätze für neurologische Erkrankungen individuell einzusetzen und abzurechnen, muss scharf kritisiert werden. Solche Warnungen wurden bereits von Fachgesellschaften ausgesprochen, wie z.B. den Deutschen Gesellschaften für Neurologie und Neurochirurgie. Ebenso wichtig ist das geeignete Umfeld, in dem die experimentelle Stammzelltherapie zum Einsatz kommt. Aufgrund der vielfältigen Anforderungen kann das nur in einer interdisziplinären klinisch und wissenschaftlich erfahrenen Arbeitsgruppe verwirklicht werden, möglichst in einem universitären Umfeld mit etablierten Stammzelltherapieverfahren.
Gesetzlich ist die Zubereitung solcher Zelltherapeutika inzwischen geregelt, auch wenn die genaue Umsetzung noch erarbeitet werden muss. In Deutschland wird die Neurotransplantation durch das Arzneimittel- und das Transplantationsgesetz geregelt, außerdem gelten zusätzliche Verordnungen.

DieStammzelle: Wenn man Ihre Aussagen zur Zelltherapie zusammenfasst, könnte man auf die Idee kommen, dass der Patient die Zellen erhält und die Therapie dann zu Verbesserungen führt, ohne dass der Patient mithelfen muss. Was müssen Patienten bei einer solchen Zelltherapie leisten?

Prof. Dr. Nikkhah: Nein, der Beitrag des Patienten bleibt einer der wichtigsten Faktoren für den Erfolg einer Behandlung. Meine Arbeitsgruppe "Molekulare Neurochirurgie" unter Mitarbeit von Máté Döbrössy, Christian Winkler, Alexander Klein und weiteren Wissenschaftlern forscht seit vielen Jahren unter anderem an den speziellen funktionellen Wechselwirkungen zwischen Spendergewebe und Empfängerorganismus. Dabei konnten Faktoren und Mechanismen entschlüsselt werden, wie Training und körperliche Aktivität tatsächlich die biochemischen und funktionellen Wechselwirkungen zwischen Transplantat und Empfängergehirn positiv beeinflussen können.
Im Endeffekt setzt das Gehirn durch Übung Botenstoffe frei, die das therapeutische Ergebnis maßgeblich beeinflussen. Wir erwarten, dass dies auch beim Menschen in ähnlicher Weise stattfindet. Also ist die spezifische Physiotherapie und Ergotherapie weiterhin ein wichtiger Bestandteil, der entscheidend zum Therapieerfolg der Stammzelltransplantation beitragen könnte.

DieStammzelle: Welche Entwicklungen erwarten Sie den in den nächsten Jahren auf dem Gebiet der Zellersatztherapien für neurodegenerative Erkrankungen?

Prof. Dr. Nikkhah: Es wird mit großer Sicherheit weiterhin wichtige Fortschritte auf verschiedenen Bereichen geben. Zunächst einmal werden neue klinische Studien mit fetalen Geweben begonnen, um den Einfluss verbesserter Protokolle der Gewebeverarbeitung zu untersuchen und genauere Informationen darüber zu gewinnen, welche Patienten von der Transplantation profitieren. Sie können diese Entwicklung mit der Tiefenhirnstimulation stereotaktischen Methoden vergleichen: Hier hat es einige Jahre gedauert, bis man herausgefunden hat, welche Patienten besonders gut ansprechen und welche ein hohes Risiko für Komplikationen haben. Es ist auch gut denkbar, dass neue Indikationen für den Einsatz der Stammzelltherapie erforscht werden.

DieStammzelle: Welche neuen Zelltypen könnten zum Einsatz kommen?

Prof. Dr. Nikkhah: Für die Neurorestauration könnten auch mesenchymale Zellen aus dem Knochenmark oder Nabelschnurblut zum Einsatz kommen. Hier muss jedoch noch viel Grundlagenforschung betrieben werden: Es ist nicht klar, ob diese Zellen durch biochemische Faktoren dazu angeregt werden können, sich in neuronales Gewebe umzuwandeln und verlorene Nervenzellen ersetzen.

DieStammzelle: Welche alternativen Möglichkeiten gäbe es?

Prof. Dr. Nikkhah: Wie bereits oben erwähnt, könnten Stammzellen, die durch genetische Manipulation aus Hautzellen generiert werden können, in der Zukunft eine Schlüsselrolle spielen. Allerdings gilt auch hier: Diese Technologie ist wahrscheinlich noch viele Jahre von einem breiteren klinischen Einsatz entfernt.

DieStammzelle: Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Nikkhah, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Professor Dr. med. Guido Nikkhah
Ärztlicher Direktor
Abteilung Stereotaktische Neurochirurgie
Neurozentrum Universitätsklinikum Freiburg

 

 

 

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